News:28.08.2006 Besserer Schiedsrichter
From SDRV
Wie werde ich ein besserer Schiedsrichter?
von Fred Horgan, Kanada
Fred Horgan ist Mitglied der Welt-Technischen Kommission der FIBA (International Basketball Federation).
Er ist internationaler Schiedsrichter-Ausbilder der FIBA, Ausbilder der FIBA-Zone Amerika, Kommissar für
Kanada und Mitglied der Technischen Kommission Amerikas.
Er wurde 1996 in die "Hall of Fame" des kanadischen Basketballs gewählt.
Ein Basketballspiel zu schiedsrichtern kann durchaus Momente ironischen Humors mit sich bringen.
Hierzu fällt mir ein gutes Beispiel ein, nämlich als vor einigen Jahren ein Kollege und ich zu einem
Halbfinalspiel zwischen den beiden Spitzenmannschaften der Liga eingeteilt waren. Klar, dass die Fans
ganz heiß auf diesen Abend waren.
Kurz vor Spielende pfiff mein Kollege völlig zu Recht ein Offensivfoul gegen die Heimmannschaft und ihr Trainer nahm sofort eine Auszeit. Eine Minute lang hatte jeder Fan nichts anderes im Kopf als meinen Kollegen am liebsten an der nächstbesten Korbanlage aufzuhängen - die Halle kochte. Nach etwa 20 Sekunden unglaublicher Beschimpfungen schlenderte er langsam von der Einwurfstelle über das Spielfeld zu mir in der Nähe des Kampfgerichts. Mit einem Lächeln fragte er mich: "Ist es das, was Basketball ausmacht, Fred?"
In zahllosen Lehrgängen und Spielsituationen als Schiedsrichter und später als Ausbilder wurde mir anschließend die Ironie in dieser Frage klar. Zu oft betritt ein Schiedsrichter das Spielfeld, ohne eine Ahnung, "was Basketball ausmacht", und wird durch eigene Schuld zur komischen Figur, zum Zerrbild des Spiels, ganz zu schweigen davon, dass er es seinen nächsten Kollegen sehr schwer macht.
Es ist vielleicht an der Zeit, diese Frage zu beantworten und zu versuchen, in klaren und einfachen Worten zu erklären, "was Basketball ausmacht". Einmal abgesehen von Regelkenntnis und guter Schiedsrichtertechnik - was macht den Erfolg eines Schiedsrichters aus? Welche Qualitäten heben einen solchen Schiedsrichter über diejenigen hinaus, die nur kurze Zeit dabei sind und dann nie wieder gesehen werden? Denkt einmal nach über folgende zehn Merkmale eines erfolgreichen Schiedsrichters, sei es beim Basketball oder in irgendeiner anderen Sportart.
- Ein guter Schiedsrichter macht sich Gedanken über sein äußeres Erscheinungsbild. Es geht um ein sauberes und gepflegtes Erscheinungsbild, ohne wie ein Filmstar zu wirken. Die Schiedsrichterkleidung ist meist von seiner Organisation vorgeschrieben, aber sein Erscheinungsbild liegt in seiner persönlichen Verantwortung, und ein guter Schiedsrichter verwendet hierauf große Sorgfalt.
- Ein guter Schiedsrichter ist pünktlich, da er weiß, dass Trainer und Spieler mit ihren eigenen Gedanken genug beschäftigt sind, ohne sich darum sorgen zu wollen, wann die Schiedsrichter wohl ankommen werden. Noch wichtiger ist die schlichte Tatsache, dass pünktliches Eintreffen ein Zeichen setzt für alle Vorbereitungen vor dem Spiel und letztendlich auch für die ersten Aktionen im Spiel selbst. "Pünktlich" heißt nicht "Anfangszeit". Ein guter Schiedsrichter plant genügend Zeit für das Umziehen und die Pre-game conference mit dem oder den Kollegen ein und betritt die Halle in professioneller Weise. Nichts sieht schlimmer aus als ein Sprint vom Umkleideraum zum Spielfeld in der letzten Minute vor Spielbeginn oder gar der zweiten Halbzeit.
- Ein guter Schiedsrichter pfeift das Spiel nicht allein. Es sind nicht nur zwei Mannschaften am Spiel beteiligt, sondern drei, eine davon ist das Team der Schiedsrichter. Die Pre-game conference ist von großer Bedeutung, aber er ist sich auch während des ganzen Spiels seiner übrigen "Mannschaft" - die Kampfrichter - bewusst. Ein guter Schiedsrichter denkt daran, dass die Kampfrichter keine Möglichkeit haben, sich vor verbalen Angriffen zu schützen und unterstützt sie, wo immer er kann. Bei der Besprechung nach dem Spiel äußert er seine persönliche Kritik für künftige Verbesserungen konstruktiv und in freundlichem Ton und ist selbst auch für Kritik empfänglich.
- Ein guter Schiedsrichter verwickelt sich während des Spiels nie in ausgedehnte Unterhaltungen mit Spielern und Trainern. Solche Diskussionen können weit mehr Probleme erzeugen als lösen. Wenn es notwendig wird, jemanden anzusprechen, ist das Gespräch höflich und klar, aber kurz zu führen. Andererseits sind Gespräche mit Anschreiber und Zeitnehmer - wenn erforderlich - so ausführlich wie nötig und niemals in oberflächlicher Eile zu führen. Die Kampfrichter sind Teil des Offiziellen-Teams, und es ist Aufgabe der Schiedsrichter, ihnen jede Unterstützung zu gewähren, die sie im Einzelfall brauchen.
- Ein guter Schiedsrichter versucht, nicht im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen. Ihm ist bewusst, dass ein Schiedsrichter so unauffällig wie möglich bleiben muss. Unbedingt zu vermeiden sind übertriebene Handzeichen, eine unnötig laute Stimme oder ein Mienenspiel oder eine Körpersprache, die geeignet ist, Spieler, Trainer oder Zuschauer zu provozieren. Vielmehr haben Stimme und Sprache deutlich, seriös und bestimmt, ein Pfiff scharf und kurz und alle Handzeichen gleichmäßig zügig zu sein. Spielunterbrechungen sind so kurz wie möglich zu halten; ein guter Schiedsrichter weiß, dass die meisten Unsportlichkeiten während einer Spielunterbrechung geschehen. Wenn das Ego eines Spielers angeschlagen oder sein Stolz verletzt ist, oder wenn ein Spieler glaubt, dass ihm Unrecht geschehen ist, ist es am besten, das Spiel möglichst schnell wieder aufzunehmen, um einer eventuell folgenreichen Konfrontation aus dem Weg zu gehen.
- Ein guter Schiedsrichter weiß, dass es für jede Entscheidung, die das Spiel unterbricht, zweifellos fünf andere gibt, nach deren Meinung das Spiel eigentlich weiter laufen müsste. Nicht jede Entscheidung erfordert einen Pfiff. Meist wird der Schiedsrichter entscheiden, dass es zu keiner Regelverletzung gekommen ist, egal, was Spieler, Trainer und Zuschauer darüber denken, und in diesem Zusammenhang ist auch ein "No-call" die Vermittlung einer Entscheidung. Eine solche Entscheidung muss nicht zusätzlich durch Gesten gerechtfertigt werden - weder durch Kopf schütteln noch durch Verwendung von nicht offiziellen Handzeichen, wie dies in einigen anderen Sportarten üblich ist.
- Ein guter Schiedsrichter ist kein Sklave des Regelhefts. Ihm ist klar, dass hinter jeder Regel eine Absicht steckt, in der sich die Spielidee widerspiegelt, wie Basketball gespielt werden soll, und er macht es sich zu Eigen, diese Spielidee zu kennen. Begriffe wie "Geschwindigkeit des Spiels", "Spielfluss" und "Spielabwicklung" sind genauso wichtig wie jedes Kapitel im Regelheft.
- Ein guter Schiedsrichter zeigt Professionalität. Eine Spielunterbrechung ist für ihn nicht eine Gelegenheit, Freiwürfe oder Drei-Punkte-Würfe zu üben. Genauso zeigen häufige Gespräche mit dem Kollegen, dass da jemand nicht genug Selbstvertrauen hat. Während des Spiels schreibt die korrekt angewandte Technik vor, wo jeder Schiedsrichter zu sein hat. Während einer Auszeit sollten beide Schiedsrichter bewegungslos an ihrer vorgesehenen Position stehen und die Unterbrechung dazu nutzen, sich mental auf die Spielfortsetzung einzustellen.
- Ein guter Schiedsrichter ist höflich und kontrolliert, hat sein Temperament im Griff und verliert im Umgang mit Spielern, Trainern oder Zuschauern niemals die Geduld. Er gibt auch nach dem Spiel keine Interviews zu umstrittenen Spielsituationen. Gleichzeitig hat er sich unter Kontrolle, ohne arrogant zu wirken. Der gute Schiedsrichter weiß, wer die Verantwortung trägt und ihm ist bewusst, dass er, wenn seine Autorität in Frage gestellt wird, Zuflucht zum Wortlaut und der Absicht der Regeln nehmen kann, um diese Herausforderung zu meistern, ohne einen Narren aus sich zu machen. Gleichzeitig weiß ein guter Schiedsrichter, dass die zwei wichtigsten Begriffe im Wortschatz eines Schiedsrichters "Bitte" und "Danke" lauten. Für eine Gefälligkeit eines Spielers, z.B. den Ball zu holen oder eine Spielverzögerung zu verhindern, ist gegen eine nette Reaktion des Schiedsrichters nicht einzuwenden.
- Zu guter Letzt weiß ein guter Schiedsrichter, dass er nicht unfehlbar ist. Fehler werden immer vorkommen, und wenn es dazu kommt, sollte ein Schiedsrichter weder zögern noch sich dabei ungemütlich vorkommen, dazu zu stehen. Wenn der Fehler noch korrigierbar ist, wird er korrigiert, wenn es dazu zu spät ist, muss das Spiel weiter gehen. Ziel muss es immer sein, dass Spiel nach besten Wissen und Gewissen zu leiten. Der Tag mit einem perfekten Spiel ist der Tag, mit dem schiedsrichtern aufzuhören. Das Amt des Schiedsrichters ist oft undankbar. Es ist unmöglich, eine Entscheidung zu treffen, die allen passt. Deshalb, vergiss "alle" und lasse dich von ehrlicher Urteilskraft leiten. Sei nett, höflich, zuversichtlich und professionell, und du wirst erfolgreich sein.

